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Bildung und Fachkräfte

Gute MINT-Bildung ist der Schlüssel für Innovation und Teilhabe

Gute Bildung in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) ist der Schlüssel für Innovation und Teilhabe. Tablets, Datenbrillen und intelligente Assistenten halten in der Industrie Einzug. Neue digitale Geschäftsmodelle und Start-ups entstehen. Für die Energiewende, neue Mobilitätskonzepte und die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft werden immer mehr MINT-Fachkräfte benötigt. Außerdem brauchen wir mündige Bürgerinnen und Bürger, die Naturwissenschaft und Technik verstehen und den gesellschaftlichen Wandel mitgestalten können. Der rasante technologische Fortschritt lässt MINT-Kompetenzen in Zukunft noch wichtiger werden – sowohl im Privatleben als auch in der Arbeitswelt, selbst in vormals technikfernen Berufen. Darüber hinaus steuert Deutschland auf einen Fachkräftemangel in technischen und techniknahen Berufen zu. Das Institut der deutschen Wirtschaft konstatierte im Herbst 2015 eine MINT-Fachkräftelücke von über 164.000 Personen – Tendenz steigend. Der drohende Fachkräftemangel bei Hochqualifizierten und in MINT-Ausbildungsberufen ist der Flaschenhals für die Innovationskraft von Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen.

MINT NACHWUCHSBAROMETER. Wie es um den MINT-Nachwuchs in Deutschland bestellt ist, zeigt das von acatech und der Körber-Stiftung herausgegebene MINT Nachwuchsbarometer. Die Studie wird seit 2014 jährlich vom Stuttgarter Forschungsinstitut Dialogik erstellt. Sie untersucht im Sinne eines Frühwarnsystems das Interesse und die Motivation für Naturwissenschaften und Technik bei Schülerinnen und Schülern, Auszubildenden und Studierenden. Untersucht werden auch die strukturellen Rahmenbedingungen der MINT-Bildung.

Berufliche MINT-Ausbildung: Berufsorientierung und Praxiseinblicke fördern

Die duale Berufsausbildung in Deutschland ist ein Erfolgsmodell. Doch es gerät immer stärker unter Druck: Das Hochschulstudium wird immer beliebter und drängt die Berufsausbildung an den Rand. Zudem erfordert der technologische Fortschritt einen Wandel der bisherigen Ausbildungsstrukturen und Inhalte. Die berufliche MINT-Ausbildung stand im Fokus des MINT Nachwuchsbarometers 2015. Ergebnis: Jugendliche entscheiden sich vermehrt gegen einen MINT-Ausbildungsberuf. Innerhalb von zehn Jahren ging die Zahl neu abgeschlossener MINT-Ausbildungsverträge um acht Prozent zurück. Zugleich fiel die Zahl der bestandenen MINT-Ausbildungsabschlüsse um 21 Prozent.

„Junge Menschen an der Schwelle zum Berufsleben sehen sich heute einer Vielzahl von Möglichkeiten gegenüber. Um sie bei dem entscheidenden Prozess der Berufswahlentscheidung künftig noch besser zu beraten und zu unterstützen, setzen wir auf eine moderne Weiterentwicklung unserer Berufsberatung – hin zu einer lebensbegleitenden und ganzheitlichen beruflichen Beratung. Unter dem Motto "Typisch ich!" machen wir unabhängig vom Geschlecht Mut, auch außerhalb tradierter Muster zu denken und insbesondere MINT-Berufe in Betracht zu ziehen.“

Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, in Reaktion auf die Ergebnisse des MINT Nachwuchsbarometers 2015

Zu den Ursachen für den Rückgang zählen unter anderem Defizite in der Berufsberatung, die insbesondere an den Schulen verbessert werden muss. Gleichzeitig haben MINT-Berufe ein negatives Image. Wenig Kontakt mit Menschen, ein gefährlicher – und dazu noch kalter – Arbeitsplatz und körperlich anstrengende Aufgaben: So stellen sich viele Schülerinnen und Schüler die Arbeit in MINT-Berufen vor. Um den Trend umzukehren, ist es wichtig, Einblicke in die betriebliche Praxis zu bieten. Nicht nur den Jugendlichen, auch den Lehrerinnen und Lehrern sollten Unternehmen einen vorübergehenden Seitenwechsel ermöglichen. Wie Schulen und Hochschulen sich besser mit der Wirtschaft verzahnen können, war Thema des „Querdenker-Roundtables“, den acatech im November 2015 mit der Siemens Stiftung organisierte.

Gerade mit Blick auf den fehlenden Nachwuchs für technische Ausbildungsberufe ist der akute Mangel an MINT-Lehrkräften an Berufsschulen besorgniserregend. Eine Verkürzung der Ausbildungsdauer für MINT-Berufsschullehrkräfte und ein erleichterter Quereinstieg können hier Abhilfe schaffen, empfehlen acatech und Körber-Stiftung im MINT Nachwuchsbarometer.

MINT-Nachwuchs: Deutschland braucht mehr qualifizierte Fachkräfte

Schon die Schulen können junge Menschen für Technik begeistern – ein wichtiger Baustein, um den dringend benötigten Nachwuchs in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen zu sichern.

„Der Fachkräftemangel in den Berufen rund um MINT entwickelt sich immer mehr zum Risiko. Der jüngste Innovationsindikator hat gezeigt, wie wichtig gesellschaftliche Aufgeschlossenheit gegenüber Technik und Innovation in einem Industrieland ist. Diese gilt es zu fördern.“

Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), zum Innovationsindikator 2015, den acatech und BDI gemeinsam veröffentlichten

Seit seiner Gründung durch acatech und die Initiative „MINT Zukunft schaffen“ der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) im Jahr 2012 hat sich das Nationale MINT Forum mit seinen 31 Mitgliedsinstitutionen als eine wichtige Stimme der MINT-Bildung in Deutschland etabliert. Auf dem jährlich von dem Forum organisierten Nationalen MINT Gipfel kamen auch 2015 wieder rund 300 Bildungsexpertinnen und -experten zusammen. Seine Rolle als Sprecher des Forums hat acatech Präsident Henning Kagermann zum 1. Juli 2015 an Nathalie von Siemens, Vorstandssprecherin der Siemens Stiftung, übergeben.

Herausforderung Studienabbruch: acatech und TU9 erforschen die Ursachen

Die Nachwuchssituation bei den akademischen MINT-Fachkräften hat sich verbessert. Das MINT Nachwuchsbarometer 2015 zeigt: Die Studiengänge in den Bereichen Mathematik, Ingenieurswissenschaften, Informatik und Technik, insbesondere die Ingenieurswissenschaften, verzeichneten bei den Studienanfängerinnen und -anfängern einen leicht positiven Trend. Dennoch stellt der Studienabbruch in den Ingenieurwissenschaften nach wie vor eine große Herausforderung für die Bildungspolitik und die Hochschulen dar. acatech und der Verband von neun führenden Technischen Universitäten in Deutschland TU9 untersuchen in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt gemeinsam die Ursachen aus der Binnensicht der Hochschulen und suchen nach Best-Practice-Lösungen, um die Erfolgsquoten bei gleichbleibend hoher Ausbildungsqualität zu steigern.

Individuelle Weiterbildung: Intelligente Assistenten unterstützen Azubi und Meister

Digitales Knowhow ist für den Nachwuchs wichtig, aber auch die berufserfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Unternehmen müssen sich mit der Veränderung der eigenen Tätigkeit auseinandersetzen und neue Arbeits- und Organisationsstrukturen bewältigen. Deshalb rückt die Weiterbildung in den Betrieben in den Fokus. In einer flexibilisierten Arbeitswelt treffen Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen und Kompetenzen auf Fertigungssysteme, die sich kontinuierlich an Produktionserfordernisse anpassen und weiterentwickeln. Intelligente Assistenzsysteme helfen den Beschäftigten dabei, komplexe Anlagen zu bedienen. Ob auf dem Touch-Bildschirm an den Maschinen, dem Smartphone, Tablet oder in der Datenbrille – die Unterstützung reicht von Bedienungsanleitungen für gerade anstehende Arbeitsschritte bis hin zum Notfalldienst. Die digitalen Assistenten setzen dabei jeweils an der individuellen Expertise des Mitarbeiters an und unterstützen bedarfsgerecht. Sie tragen so dazu bei, dass sich Beschäftigte „on the job“ fortbilden können. In dem Verbundprojekt „APPsist – Intelligente Wissensdienste für die Smart Production“ entwickeln Partner aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft im Rahmen des Technologieprogramms „AUTONOMIK für Industrie 4.0“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie Prototypen für intelligente Assistenzsysteme. acatech unterstützt das Projekt mit einem Beirat, der die Projektpartner in strategischen Fragen berät.

Überblick über die acatech Projekte im Themenfeld Bildung und Fachkräfte im Jahr 2015

Nationales MINT Forum II (mit der Initiative "MINT Zukunft schaffen") Juli 2013 - Dez. 2015
Das Labor in der ingenieurwissenschaftlichen Ausbildung Juli 2012 - März 2016
Human Resources-Kreis – Forum für Personalvorstände zur Zukunft der Arbeit Mai 2014 - Dez. 2016
MINT Nachwuchsbarometer (mit der Körber Stiftung) Juli 2013 - Juni 2017
Studienabbruch in den Ingenieurwissenschaften Aug. 2015 - Juli 2017
Beirat für das Projekt "APPsist - Intelligente Wissensdienste für die Smart Production" Juni 2014 - Dez. 2017